HIRUNDO MARIS feat. montalbâne Chor

El cant de la Sibil.la & Draumkvedet
Mystische Gesänge zwischen dem Unsichtbaren und dem Sichtbaren

HIRUNDO MARIS
Arianna Savall – Sopran, Harfe, Leier, Leitung
Petter Udland Johansen – Tenor, Hardangerfiedel, Leitung
Ian Harrison – Whistles, Borderpipe, Dudelsack, Zink, Schalmei
Miquel Angel Cordero – Bass-Fidel
David Mayoral – Perkussion, Glocken, Santur

Dies irae, dies illa
Solvet saeclum in favilla 
Teste David cum Sibilla. 

Der Tag des Zorns, jener Tag 
löst die Welt(-Zeit) in Asche 
gemäss dem Zeugnis Davids und der Sibylle
.

gemäß dem Zeugnis Davids und der Sibylle. Dass mit David der alttestamentarische König gemeint ist, scheint klar. Wer aber ist diese Sibylle, die in den Anfangszeilen des mittelalterlichen Hymnus Dies irae genannt wird? Mit David zusammen soll sie bezeugen, dass dereinst mit der Wiederkunft Christi die Welt ein Ende finden und die Menschheit am Tag des Zorns in einem »Jüngsten Gericht« gerichtet wird. 

Die Sibyllen waren ursprünglich wohl im Nahen Osten anzutreffen. Es waren weise Frauen oder Prophetinnen, die meist mit einem Heiligtum verbunden waren und zu aktuellen Problemen befragt werden konnten. Ihre Antworten gaben sie im Zustand der Ekstase und in meist rätselhaften Formulierungen, die gedeutet werden mussten. Berühmt wurden die Sibyllen der Antike, so die im Tempel von Delphi – mit einem Felsen der Sibylle – oder die im römischen Cumae (bei Neapel) mit einer Sibyllengrotte. Anfänglich war nur eine Sibylle bekannt als Sibylla Erythraea, später waren es dann drei. Allmählich stieg ihre Zahl jedoch auf zehn und schließlich auf zwölf, alle mit ihrem Namen einem bestimmten Ort oder Land zugeordnet wurden, von der Sibylla Persica bis zur Sibylla Europaea

Auch im Judentum und frühen Christentum beschäftigte man sich mit de sibyllinischen Weissagungen, den Oracula Sibyllina. Durch den Kirchenvater Augustinus, der in seinem Buch De civitate Dei (Der Gottesstaat) eine Prophezeiung der Sibylle on Erythrai erwähnt, gelangte die Sibylle schließlich wohl auch in das Dies irae. Der ursprünglich griechische, dann lateinische Gesang der Prophezeiung der Sibylle wurde Teil der Lesungen in der Matutin am Weihnachtstag. Er schildert aber nicht etwa das Weihnachtsgeschehen, sondern den apokalyptischen Tag des Jüngsten Gerichts; die Geburt des Erlösers wurde so mit der Prophezeiung seiner Wiederkehr verbunden. Im 11. Jahrhundert entstanden erste musikalische, einstimmig-gregorianische Versionen. 

Eine besondere und lange Blüte erlebten diese Prophezeiungen mehrere Jahrhunderte später in Spanien, als El Cant de la Sibil•la (Der Gesang der Sibylle). Der Text wurde ab dem 13. Jahrhundert nun auch in der Volkssprache – vor allem in Katalanisch – gesungen, die einfache Gesangsmelodie wurde immer stärker ausgearbeitet und verziert, und die Chorrefrains wurden zum Teil mehrstimmig gesetzt. Die älteste dieser ausgearbeiteten Fassungen entstand im frühen 15. Jahrhundert in Barcelona, die jüngste wurde 1550 in Girona aufgeschrieben – gerade bevor das Konzil von Trient den Gesang der Sibyllen wieder aus dem Gottesdienst entfernte. Neben diesen beiden Fassungen – die beide im Konzert zu hören sind – entstanden auch Gesänge in Galizisch, Kastilisch und Mallorquin; auf Mallorca wird El Cant de la Sibil•la bis heute am Weihnachtsabend aufgeführt.

Arianna Savall und Pe!er Udland Johansen stellen dieser Vision der Endzeit eine Vision des Jenseits gegenüber: die mittelalterliche norwegische Ballade Draumkvedet (Traumlied). Ein junger Mann namens Olaf Åsteson fällt am Weihnachtsabend in den Schlaf und erwacht erst wieder an Epiphanie, also zwölf Tage später. Seine Traumerlebnisse in diesen zwölf Nächten sind der Inhalt des Traumlieds, das im Konzert mit 52 Strophen erzählt wie Olav Åsteson die Unterwelt durchwandert, eine unwirtliche Landschaft, die von furchterregenden Tieren bevölkert ist; dort wird den Verstorbenen je nach Lebenswandel ihre Strafe oder Belohnung im Paradies zugeteilt. Der Text wurde von Petter Udland Johansen unter Verwendung von alten norwegischen Volksmelodien und in eigenen Kompositionen neu vertont. 

www.hirundomaris.com

El Cant de la Sibil.la de Barcelona
Arianna Savall über das Programm (en français)

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